Der Farbkreis – warum dieser für Maler und Künstler wichtig ist

Wer gerne malt, wird sehr schnell mit einem Farbkreis konfrontiert. Vielleicht hast Du Dir, so wie ich, einen kleinen Farbkreis zu gelegt und findest diesen hilfreich, oder im Gegenteil stellst Du Dir die Frage: was mache ich nun damit?

Die Antwort ist nicht einfach. Es gibt unterschiedliche Arten über Farbe nachzudenken. Dafür macht es Sinn, sich ein bisschen mit der Theorie zu beschäftigen. Aber keine Angst, in diesem Blog beschäftige ich mich auch mit der Praxis, was bedeutet Farbe für uns Kreative, und was machen wir mit dem Farbkreis (brauchen wir diesen überhaupt?).

Theorie – DER Farbkreis?

Vorab: es gibt ihn nicht DEN Farbkreis. Es gibt unterschiedliche Aspekte und unterschiedliche Vorgehensweisen, die zu unterschiedlichen Resultaten führen. Hier das Relevanteste in Kürze.

Additiver Farbkreis

Licht lässt sich durch Prismen in verschiedene Farben aufteilen. Bei der Reflektion des Lichtes auf ein Objekt wird ein Teil absorbiert, und der Rest dann von unseren Augen aufgenommen. So nehmen wir Farbe auf. Unsere Augen haben drei verschiedene Farbrezeptoren (Zapfen), die jeweils auf unterschiedliche Farben reagieren: Rot, Grün, Blau. Unser Gehirn übersetzt den Impuls in eine Farbeninformation. Klingt kompliziert, bedeutet aber einfach gesagt, dass diese Lichtimpulse in unserem Gehirn addiert werden.

Der RGB-Farbkreis ist auch ein additiver Farbkreis. Dieser Farbkreis gibt zwar einen eingeschränkten Ausschnitt der Wirklichkeit wieder, die unsere Augen wahrnehmen können), aber ist sehr hilfreich, um z.B. Farben in unseren Monitoren zu erzeugen. Weiß z.B. wird hier erzeugt, indem alle drei Farben maximal angeleuchtet werden.

Wir Künstler  können keine Farben addieren. Wir subtrahieren.

Newton hat versucht einen eigenen Farbkreis zu kreieren, indem er die Farben des Regenbogens (= Sonnenlicht, dass durch die Wassertropfen als Prismen aufgefächert wird) auf einen Kreis verteilte und kreierte somit den ersten bekannten Farbkreis.

Newtons Farbkreis

100 Jahre später versucht Goethe die Erkenntnisse von Newton zu widerlegen (was ihm nicht gelang). Aus dem Farbkreis nach Goethe sind für die heutige Zeit insbesondere die emotionalen Aspekte wichtig. Seine physikalischen Entdeckungen haben heute keine Relevanz mehr.

Subtraktiver Farbkreis

Dieser ist für uns Maler und Künstler relevant. Die Pigmente in den Farben absorbieren ein Teil des Lichts. Durch das Mischen von Farbe, bzw. von Pigmenten, absorbiert jedes Pigment einen Teil des Lichts (je mehr Farbe je mehr Lichtanteile). Was wir im Auge dann aufnehmen, ist der Anteil, der nicht absorbiert wurde.

Subtraktiv bedeutet entfernen. Vereinfacht können wir sagen, dass beim subtraktiven Farbkreis Lichtanteil aus dem Weiß entfernt werden, je mehr Farbe je größer die Farbanteile. Mischen wir alle Primärfarben zusammen, entsteht dabei schwarz.

Farbkreis von Itten

Der bekannteste Farbkreis wurde 1961 von Itten entwickelt. Dieser wird uns auch ab dem Kindergarten und in der Grundschule beigebracht. Die Primärfarben nach Itten sind uns allen bekannt: rot, blau, gelb. Er behauptet, dass daraus Sekundärfarben (violett, grün und orange) sowie Tertiärfarben gemischt werden. Dabei entsteht entweder ein 6-teiliger (bestehend aus 3 Primär- und 3 Sekundärfarben) oder ein 12-teiliger Farbkreis (bestehend aus 3 Primär- und 3 Sekundärfarben und 6 Tertiärfarben).

Dieser Farbkreis wird genutzt, um uns das Konzept von Komplementärfarben zu erklären, und um uns beim Anmischen von Farben zu helfen.

Johannes Itten hat eine umfassende Farbenlehre kreiert. Neben dem Farbton (also die Farben im Farbkreis) spricht Itten auch von Farbhelligkeit und Farbsättigung.

  • Farbhelligkeit: wie hell eine Farbe erscheint.
    • Die Primärfarben wirken per se schon unterschiedlich hell (gelb wirkt heller als z.B. blau)
    • innerhalb eines Farbtons kann eine Farbe unterschiedlich hell sein (durch beimischen von Weiß oder Schwarz
    • Pigmente können unterschiedlich transparent sein. Undurchsichtige Pigmente sind somit dunkler als transparente.
  • Farbsättigung: Es entspricht dem Reinheitsgrad einer Farbe. Je reiner eine bunte Farbe (also je weiter weg sich diese von Weiß, Schwarz oder Neutralgrau unterscheidet), je gesättigter ist sie. Die Spektralfarben haben die maximale Farbsättigung. Maximal gesättigte Farben wirken schnell künstlich, da sie in der Natur selten vorkommen.

Ittens Farbkreis und seine praktischen Herausforderungen

Küppers Farbkreis

Obwohl der Farbkreis nach Johannes Itten in allen Grundschulen gelehrt wird und in vielen Farbkästen zu finden ist, birgt er seine Probleme. Küppers ist ein deutscher Drucktechniker und als solcher stellte er fest, dass es beim Anmischen der Farben nach Itten zu Problemen kommt (jeder Maler wird eine ähnliche Erfahrung machen!). Seine Erkenntnisse sind in der Zwischenzeit in der Kunst anerkannt und sollten allen Künstlern bekannt sein. Küppers Leistung zeichnet sich dadurch aus, dass er die unterschiedlichen Farbmischungen analysiert hat und miteinander verbunden hat. Z.B. kommt man beim Aquarellieren wirklich mit drei Farben zu recht (cyan, magenta und gelb). Bei deckenden Farben ist es anders, da aus Magenta, z.B. niemals rosa entstehen kann. Hier spricht er von integrierter Farbmischung und definiert hierfür 8 Primärfarben. Genaugenommen benutzt Küppers keinen Kreis, sondern einen Sechskant. Wobei hier die Übergänge zu gelb nicht so fließend wirken, wie bei den anderen Farben.

Der Vierfarbendruck ist stark an Küppersfarbenlehre angelehnt. CMYK steht für die Farben Cyan, Magenta und Yellow und Schwarz und ist ein Standardfarbmodell. Mit Hilfe dieser vier Farben können die Mehrheit der Farben gedruckt werden.

Gegenüberstellung der unterschiedlichen Farbkreise


Anzahl Primärfarben

Primärfarben

Art

Relevanz für die Kunst

Newton

7

Rot, orange, gelb, grün, cyan

Additiver Farbenkreis

Physikalische Erklärung von Farbe

Goethe

2

Gelb, Blau

Subtraktiver Farbenkreis

Emotionale Einordnung von Farbe

Itten

3

Rot, blau, gelb

Subtraktiver Farbenkreis

Kategorisierung und Einsatz von Farbe in der Praxis

Küppers

8

cyan, magenta, gelb, (grün violettblau, orangerot, Schwarz, weiß)

Subtraktiver Farbenkreis

Weiterführung von Ittens Farbkreis – Praxisorientierter.

RGB-Farbkreis

Feature 5

Rot, grün, blau

Additiver Farbenkreis

Einsatz der Newtonschen Erkenntnisse in der Elektronik und Farbtechnik

CMYK Farbkreis

4

Cyan, magenta, gelb, schwarz

Subtraktiver Farbenkreis

Basierend auf den Farbkreis nach Küppers


Praxis

Der wichtigste Grund sich mit dem Farbkreis zu beschäftigen, ist, um Farben zu mischen. Und insbesondere um eine Minimalpalette zu definieren, um die unterschiedlichsten Farben zu mischen und um spezielle Effekte in einem Bild zu erreichen.

Farbkasten

Kütters Farbenlehre gibt hierzu gute Richtwerte. Ein Farbkasten (z.B. für Acrylfarben) mit:

  • Cyan und Violettblau
  • Orangerot und Magenta
  • Gelb und Grün
  • Schwarz und Weiß

reicht aus, um alle Farben wiederzugeben (beim Aquarellieren kannst Du auf weiß verzichten, da weiß dort durch Leere dargestellt wird). Bei Künstlerfarben denke dabei an:

Exkurs: Pigmente

Malfarben bestehen aus Pigmenten. Beim Anlegen eines Minimalfarbkastens solltest Du darauf achten, dass die gekauften alle nur ein Pigment enthalten, um alle Vorteile von Grundfarben nutzen zu können. Sonst arbeitest Du mit bereits gebrochenen Farben (verschmutzten Farben).

Der vorgeschlagene Malkasten beinhaltet mehrheitlich undurchlässige Pigmente. Durch die Ergänzung mit transparenten Farben eröffnet sich für Dich eine neue Welt. Zinkweiß z.B. ist eine super Ergänzung, um transparente Effekte zu erzielen.  

  • Cyan (oder Kobaltblau) und Ultramarinblau
  • Cadmiumrot und Magenta (oder Krapplack)
  • Zitronengelb und Chromoxidgrün
  • Elfenbeinschwarz und Titanweiß

Genau genommen kann Schwarz durch das Zusammenmischen aller Farben erzeugt werden. Gekauftes Schwarz ist aber sehr hilfreich, um Farben zu verdunkeln.

Exkurs:

Kühle und warme Farben

Vereinfacht wird häufig gesagt, dass gelb und rot warme sowie grün und blau kühle Farben sind. Genau gesagt, gibt es zu jeder Grundfarbe einen kühlen und einen warmen Ton. Die vorgeschlagene Farbpalette z.B. besteht jeweils aus einem kühlen und warmen Ton (Bild).

Farben mischen

Hier möchte ich nochmals auf Ittens Farbkreis hinweisen. Wer schon versucht hat nach Itten Blau mit Rot zu mischen, wird überrascht festgestellt haben, dass er keinesfalls wie erwartet Violett erhält. Darum ist Küppers Farbkreis viel hilfreicher. Du bekommst Violett, indem Du Violettblau mit Magenta mischst.

Zudem bekommst Du beim Mischen aller Ittens Grundfarben Braun statt Schwarz. Küpper nutzt einfach Schwarz.

Alle Farben im minimalen Farbkasten sind bunte Farben (ungemischte Farben). Durch das Beifügen ihrer Komplementärfarbe (also die Farbe, die ihr im Farbkreis genau gegenüber liegt) kannst Du diese „brechen“. So entstehen neutrale Farben, wie z.B. die Hautfarbe. Diese Farben wirken im Vergleich dumpf.

Emotionale Wirkung von Farbe

Menschen verbinden bestimmte Farben mit gewissen Gefühlen. Goethe hatte versucht seine Erkenntnisse in seinem Farbkreis zu erfassen. Unsere Erkenntnisse haben sich seitdem stark entwickelt. Beim Malen ist es wichtig zu verstehen, wie Farbe wirkt, welche Gefühle diese beim Betrachter erzeugen können.

In der nachfolgenden Tabelle findest Du also eine grobe Aufstellung. Aber vorab sollte ich erwähnen, dass jeder Mensch kulturell und psychologisch unterschiedlich auf Farben reagiert. Nichtsdestotrotz gibt es grundsätzliche Bedeutungen (nach Eva Heller):

Farbe

Psychologisch

Symbolisch

Gelb

Optimistisch, Das Saure, die Warnfarbe

Sommer, der Neid, die Eifersucht, der Geiz

Grün

Natur, Lebendigkeit, Frühling, das Saure, das Frische

Hoffnung, Zuversicht, die Jugend, das Giftige,

Blau

Die Ferne, die Weite, die Unendlichkeit, die Sympathie, die Kälte

Die Treue, die Sehnsucht, die Entspannung, die Stille, das Männliche

Violett

Die Eitelkeit, das Künstliche, die Zweideutigkeit

Das Extravagante, die Magie, das Unkonventionelle

rot

die Freude, die Energie, der Hass, die Leidenschaft, Erotik

die Liebe, die Hitze, das Laute, die Gefahr, das Glück,

Orange

Das Billige, das Aufdringlichkeit, das Extrovertierte

Das Vergnügen, das Lustige, die Geselligkeit

Weiß

Die Reinheit, die Einfachheit, die Sachlichkeit, das Leichte

Die Unschuld, der Glaube, das Vollkommene, der Winter

Schwarz

Das Ende, der Egoismus, das Harte, das Abweisende, das Elegante

Die Leere, die Trauer, die Untreue, das Konservative, das Unerlaubte

Goethes Farbenkreis und seine emotionale Einteilung

Welche Farben nebeneinander einsetzen?

Obwohl diese Frage am Ende steht, ist es wohl die Frage, die uns Künstler am meisten interessiert. Welche Farben soll ich auf meinem Bild benutzen? Anbei ein paar Impulse, denn natürlich gibt es keine richtige Antwort, sondern viele unterschiedliche Optionen.

  • Farbklang (oder analog): Farben, die auf dem Farbkreis nebeneinander liegen, haben einen ähnlichen Farbklang (z.B. gelb, orange, rot). Ein Bild im Farbklang wirkt sehr harmonisch. Anfängern wird diese Option angeraten. Das Endbild ist meist schön anzusehen und erzeugt Gefallen.
  • Komplementär: Auf dem Farbkreis gegenüberliegende Farben erzeugen einen starken Kontrast. Somit sind Komplementärfarben ideal, um Akzente zu setzen oder um eine starke Aussage in Szene zu setzen. Bei den Komplementärfarben handelt es sich um:
    • Gelb und Violett
    • Rot und Grün
    • Blau und Orange
  • Triade: Der Einsatz von drei Farben, die im zwölfteiligen Farbkreis alle gleichweit weg voneinander liegen, z.B. gelb, rot, blau. Diese Kombination wirkt sehr bunt und lebendig, birgt aber die Gefahr extrem zu wirken.

Diese Farbwirkungen hängen auch stark von den Farbverhältnissen ab. Ein roter Punkt auf einer grünen Fläche wirkt verspielt. Ein Bild in zwei gleichgroßen Flächen, in grün und rot, ist sehr präsent und aufdringlich.

Bilder leben von Kontrasten. Ein Bild gewinnt an Tiefe durch den Einsatz von hell-dunkel. Ähnlich wie bei Komplementärfarben wird starkem hell-dunkel-Kontrast Spannung erzeugt. Dabei sollte nicht nur an Weiß und Schwarz gedacht werden, sondern auch an der immanenten Helligkeit einer Farbe.

Farben ändern ihre Wirkung je nach Umgebungsfarbe. Rot verschmilzt neben Orange, während es auf weißen Hintergrund sofort ins Auge sticht.